Lisa Litschi: erst Libero, dann 25 Jahre Juniorentrainerin
Lisa Litschi, damals Thalmann, gehört zu den Pionierinnen des Schweizer Frauenfussballs. Sie spielte als Libero beim DFC Zürich, stand vor 10 000 Zuschauern in Neapel auf dem Platz und 1979 im Cupfinal. Später trainierte sie über 25 Jahre lang die Junioren des FC Red Star Zürich.
Gastbeitrag von Tobias Stepinski, FC Red Star
Lisa Litschi beim FC Red Star 2026. Bild Tobias Stepinski
«Zurückblickend kann man sagen, wir waren eigentlich Pionierinnen im Schweizer Fussball. Aber ich will das auch nicht zu gross machen.» So bescheiden blickt Lisa Litschi auf ihre Zeit als Spielerin zurück. Dabei hat sie die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs mitgeschrieben.
Libero à la Franz Beckenbauer
Angefangen hat es mit Grümpelturnieren beim FC Embrach, wo ihr Vater Mitbegründer war. Die ganze Familie sei fussballverrückt gewesen. Mit 14 kam sie über zwei Kolleginnen nach Zürich, wo Sparta Spielerinnen suchte. Die beiden anderen hörten gleich wieder auf, sie blieb.
Weiter ging es zu den Young Fellows und später zum DFC Zürich – dem Damen-Fussball-Club Zürich, der 1968 als allererster Frauenfussballclub der Schweiz gegründet wurde und heute zu den FCZ Frauen gehört. Dort stand Lisa Thalmann, wie sie damals hiess, in der Startformation, als Libero à la Franz Beckenbauer. Für die jüngeren Leserinnen und Leser: Der Libero war der zentrale Abwehrspieler, der ohne festen Gegenspieler agierte und die ganze Hintermannschaft absicherte. «Ich war flexibel in der Verteidigung. Vorstopper, Aussenverteidiger, je nachdem.»
Team Young Fellows um 1970: Lisa Litschi, damals noch Thalmann, oberer Reihe, Zweite v. Rechts. (Bild FCZ Museum)
Rotwein im Zug, Militärpolizei im Restaurant
Was ihr aus dieser Zeit geblieben ist, sind die Reisen ins Ausland. 1971 ging es für zwei Wochen in die Tschechoslowakei, mitten in der Zeit der sowjetischen Besatzung. Militärparaden, Militärpolizei, die ins Restaurant kam, während die Mannschaft gemeinsam ass. «Das war alles surreal für uns und ein Schock.»
Gereist wurde aus Kostengründen stundenlang mit dem Zug. Und dabei sei auch der eine oder andere Rotwein leergetrunken worden. «Ja, das darf man sagen. Wir hatten ja sonst nicht viel zu tun.» Bei einer dieser Fahrten blieb wohl ein Fläschchen offen. Gemerkt hat es niemand – bis man in der Kabine die Tasche öffnete und die Trikots voller Rotweinflecken waren. «Wir haben alle laut gelacht. Aber dann mussten wir den Veranstalter um neue Trikots bitten.»
Matchprogramm internationales Damen-Fussballspiel 1971 aus der Privatsammlung von Lisa Litschi. Bild: FCZ Museum
Ins San Paolo statt Ablösesumme
Die grösste Reise führte nach Italien. Zwei Mitspielerinnen wechselten als Profis nach Neapel, Ablösesummen gab es damals keine – also durfte das Team stattdessen im ehrwürdigen Stadio San Paolo gegen Napoli antreten, das heute Stadio Diego Armando Maradona heisst. Vor 10 000 Zuschauern. «Das war unvergesslich. Es ist, wie wenn es gestern stattgefunden hätte.»
Der grösste Höhepunkt kam 1979: der Frauen-Cupfinal. Gegen den FC Spreitenbach ging das Spiel 0:1 verloren. «Schade, aber überhaupt dabei zu sein, war eine riesige Ehre.»
Ob damals alles so rund lief? «Nicht immer», gibt Lisa zu. Von den Männern sei man stetig belächelt worden. «Sexistische Kommentare mussten wir uns anhören, und den Vorwurf, Fussball sei kein Frauensport.»
Von ihrer eigenen Karriere hat sie heute nichts mehr zu Hause. Fotos, Medaillen – alles hat sie dem FCZ-Museum übergeben. «Es soll dort weiterleben.»
Internationales Turnier in Aalen, Juni 1974, Final FC Zürich gegen VfR Neu 3:0. Lisa Litschi, damals Thalmann, vordere Reihe, Dritte von Links. Bild FCZ Museum.
Master im Schuhebinden
Was sie auf dem Platz gelernt hatte, gab sie später weiter. Über ihren Mann René Litschi kam sie zum FC Red Star Zürich auf die Allmend Brunau, 1998 übernahm sie dort die Junioren – als Trainerin und für den Spielbetrieb. Angefangen hat sie mit den Kleinsten, damals noch Pämpers genannt. Am liebsten hatte sie die E-Junioren. «Da kannst du schon etwas machen, und sie hören noch zu.» Bei den F-Junioren habe sie vor allem eines gelernt: «Du hast den Master im Schuhebinden gemacht.» Geblieben sind ihr nicht die Siege, sondern das Vertrauen der Kinder: «Sie kommen zu dir und erzählen dir Sachen aus der Schule.»
Als eine der wenigen Trainerinnen hatte sie es am Anfang nicht einfach. Der Verein habe immer hinter ihr gestanden, aber manche Väter hätten gerne ihren Senf dazugegeben. Einmal trainierten sie und René parallel je ein F-Team. Seine Antwort auf die Zweifel, erzählt Lisa: Meine Frau kann das genauso gut wie ich.
Möglich war das alles auch dank ihres Arbeitgebers. 43 Jahre war Lisa Litschi bei der UBS, bis zur Pension. Dreimal pro Woche musste sie um vier Uhr nachmittags gehen, und ihr Teamchef liess sie. «Da hatte ich echt einen Glücksfall mit ihm.» Umgekehrt nahm sie einiges vom Platz mit ins Büro. «Früher war ich nicht so selbstbewusst. Als Trainerin musst du vor die Mannschaft hinstehen.»
Heute ist sie bei Red Star im Vorstand als Assistentin aufgeführt, und damit ist sie nicht einverstanden. Sie sagt lachend: «Assistentin ist das falsche Wort. Ich schreibe einfach das Protokoll.»
Seine Fehler zugeben
Für die Fotos gehen wir hinaus auf den Kunstrasenplatz der Allmend. Lisa Litschi blickt über das Feld. «Ich bin froh, stehe ich nicht mehr auf dem Platz und an der Seitenlinie», sagt sie. «Das machen jetzt andere.»
Und was gibt sie diesen anderen mit auf den Weg? «Geduldig sein, altersgerecht kommunizieren, klar und deutlich. Und ein Vorbild sein, auf und neben dem Platz.»
Dann fügt sie etwas an, wofür sie selbst Zeit brauchte: «Zugeben, wenn man einen Fehler gemacht hat. Wenn die Spieler sehen, dass auch der Trainer Fehler macht, trauen sie sich eher, etwas auszuprobieren.»
Entweder-oder-Fragen an Lisa
Sitzung oder Spielfeldrand?
«Spielfeldrand»
Ein Kind, das alles fragt, oder eines, das nie etwas sagt?
«Ein Kind, das alles fragt»
Die Erste auf dem Platz oder die Letzte, die geht?
«Eigentlich beides. Als Trainerin bist du die Erste und die Letzte.»
Nachricht schreiben oder anrufen?
«Nachricht. Ich telefoniere nicht gerne.»
Mourinho oder Guardiola?
«Guardiola»
FCZ oder GC?
«FCZ. Ist doch klar»